Haben Sie das auch gelesen? Vor wenigen Wochen kam die Meldung, dass eine Inschrift auf einem kleinen Stein entziffert werden konnte. Erstaunlich, wieviel Inhalt auf diesem drei Zentimeter grossen Stein stand. Er wurde in in Jerusalem gefunden. Der assyrische König forderte die Judäer auf, ihren Tribut zu zahlen. Was danach passierte, kann man in der Bibel nachlesen, denn dort kommt die Fortsetzung vor: Es gab eine verheerende Strafaktion gegen die Judäer. Vor 2700 Jahren wirkte das Recht des Stärkeren.
Unterwerfung und Huldigung gegenüber dem Herrscher wurden eingefordert und in Stein und Bildern festgehalten, damit es zeitlos klar war. So etwa in Persepolis, wo die Prozession der Tributpflichtigen aus dem ganzen persischen Reich auf den Treppenaufgängen des Palastes dargestellt sind. Allerdings hatte die Huldigung dann doch einmal ein Ende: Alexander der Grosse eroberte das persische Reich – aber er übernahm trotz Kritik persische Kleidung und Niederwerfungsszenen.
Diese Szenen und dieses Machtdenken findet sich auch nach der Antike. Im Mittelalter forderten Herrscher ihren Tribut. Auf diesem Kaiserbild wird festgehalten, wie die vier personifizierten Völker seines Reichs in demütiger Haltung Otto III. Edelsteine, Füllhörner, einen goldenen Globus darbringen. Die schönen Bilder währten allerdings nicht lange: Otto III. starb früh und Zeitgenossen sahen darin eine Strafe für sein sündhaftes Tun, worunter keine erotischen Exzesse zu verstehen sind, sondern seine Italienpolitik und Vernachlässigung anderer Reichsgebiete.
Solche Szenen gibt es natürlich zuhauf. Auch im aussereuropäischen Raum. Hier eine Darstellung der Huldigung von Montezuma II. der über das riesige Aztekenreich herrschte. Bald war es allerdings Schluss mit diesen Szenen: Montezuma liess die Spanier in sein Reich und empfing ihren Anführer Cortez, der faktisch die Herrschaft übernehmen konnte. Dazu noch später mehr.
Diese Art von Inszenierungen der Macht gibt es auch in neueren Zeiten. Auch gewählte Präsidenten oder Regierungschefinnen können sich inszenieren. Aber wichtiger werden Bilder mit Darstellungen von Verhandlungen unter seinesgleichen, grossen Kongressen und Debatten. In Erinnerung sind uns die jährlichen UNO Treffen mit grossen Bildern aus dem Rund.
Und natürlich gibt es die Bilder von Verhandlungsrunden, die oft leider erst nach langen Kriegen stattfanden, wie der Wiener Kongress, wo ein Ausgleich gesucht wurde und Europa neu geordnet wurde. Verhandlungen und Absprachen wurden wichtiger, Regeln wurden abgemacht und auf ihre Einhaltung gepocht.
Natürlich ist das nicht schwarz und weiss. Auch vor Hunderten von Jahren wurden Verträge abgeschlossen und Abmachungen gesucht. Und natürlich haben keine Kriege soviele Opfer gefordert, wie jene des 20. Jahrhunderts. Die Macht des Stärkeren wurde auf Grund der technischen Möglichkeiten noch grausamer. Aber wir lebten seit dem Zweiten Weltkrieg in einer Welt, die sich regelbasiert nannte oder dahin strebte. Und auch hier: Natürlich haben sich zum Beispiel die USA nie an gewisse Regeln halten wollen.
Trotzdem: Das Revival von Huldigungszenen ist erschreckend. Wie die Wirtschaftsrunde der Schweizer Unternehmen vor Trump, die ebenfalls mit Geschenken ankommt und im Halbrund Platz nimmt. Wer sich solchen Gesten entzieht, wird abgestraft.
Neuestes Beispiel ist dieser Friedenspreis, den Gianni Infantino im Namen der Fifa an Donald Trump übergeben hat. Damit erhält der amerikanische Präsident, was er sich längst gewünscht hat. Man erfindet einen Preis und verleiht ihn, ohne irgendwelche Kriterien zu nennen. Hauptsache, dem Präsidenten des mächtigsten Landes wird geschmeichelt.
Ich verstehe, dass der Bundesrat angesichts der hohen Zölle reagieren musste. Er muss die Exportwirtschaft und die Arbeitsplätze in der Schweiz schützen. Und ich verstehe ebenfalls, dass es unkonventionelle Mittel braucht, wenn das Gegenüber grundsätzliche Regeln über den Haufen wirft. Aber wo sind die Grenzen? Wie weit soll die Schweiz diesem regellosen Herrscher entgegenkommen? Wie stark schädigt sie damit eine Weltordnung, für die sie bisher einstand? Denn Donald Trump ist nicht einfach ein bisschen unorthodox oder grad etwas extrem drauf, er steht für eine Zeitenwende. So mächtig er ist, andere Personen und Entwicklungen gehen in die gleiche Richtung.
So richtig begriffen habe ich das erst bei der Lektüre des Buches „Das Zeitalter der Raubtiere“ von Giuliano da Empoli. Er beschreibt, wie die Techbosse nicht nur nach Geld, sondern auch nach Macht streben und wir sie viel zu lange walten liessen und etwa die US-Demokraten mit ihnen zusammenarbeiteten und sie nicht beschränkten. Sie sind völlig disruptiv unterwegs, ohne Regeln und einzig auf Machtzuwachs aus. Auch wer sich ihnen andient, wird verschlungen. Da Empoli empfiehlt, Machiavelli wieder hervorzuholen, der skrupellose Renaissance-Fürsten beschreibt, die durch Ruchlosigkeit und Angriff ihre Macht sicherten. Nachzulesen ist dies zum Beispiel in diesem Spiegel-Interview.
Und hier schliesst sich der Kreis zu Montezuma: Auch er wusste nicht, wie er mit diesen paar Spanier umgehen solle, die auf Pferden und mit Gewehren in sein Reich kam. Waren es Heilige? Krieger? Er schickte ihnen wertvolle Goldobjekte und wollte sie damit vor einem weiteren Vordringen abhalten. Sie wurden aber im Gegenteil dadurch angestachelt. Die Konfusion war so gross, dass die wenigen Spanier den Herrscher eines Riesenreiches gefangennehmen konnten und als Marionette benutzten. Für Da Empoli ist Montezuma ein Beispiel für eine Welt im Umbruch, in der ein Politiker vor einer unbekannten Herausforderung handlungsunfähig wird.
Die EU Kommission hat letzte Woche X zu einer Geldstrafe verurteilt, weil das Techunternehmen zu wenig transparent Personen verifizierte. Ihr blaues Häkchen gibt es nicht nur nach einer effektiven Verifizierung der Person, sondern es konnte schlicht mit dem Abo gekauft werden. Der europäische Digital Services Act war Grundlage für die Verurteilung. Unser Bundesrat hat erst nach langer Verzögerung im Oktober eine Plattformregulierung in die Vernehmlassung geschickt.
Wir sollten uns gut überlegen, wie weit unsere Konzessionen für tiefere Zölle gehen und wo die Grenze hin zur Raubtierfütterung überschritten ist.
