In jeder Debatte um die Chaosinitiative kommen die vollen Züge vor. Und am letzten Samstag hat sich ein Ehepaar bei mir beklagt, die Züge auf der Brüniglinie seien immer überfüllt von Touristen. Nun, diesen Fall konnte ich einfach beantworten: Auch bei einer Begrenzung der Einwohner*innen auf 10 Millionen werden soviele Tourist*innen in die Schweiz kommen, wie zuvor – sie sind nicht betroffen. Ausser es gibt kein Putzpersonal, Köchinnen und Receptionisten für die Hotels und keine Lokführer*innen mehr.
Aber auch sonst ist es so eine Sache mit den vollen Zügen. Als ich 2003 nach Zürich zu pendeln begann, waren die Züge bereits propenvoll. Und am Freitagnachmittag musste ich auch mal auf der Treppe sitzen. Seither ist die Bevölkerung um 1.7 Millionen Menschen angewachsen. Wie war es möglich, das Wachstum aufzufangen? Heute fahren in den Spitzenzeiten doppelt geführte Züge. Gleichzeitig wurde das Bahnnetz (ausser bei uns in Luzern 🙄) ausgebaut, Mattstetten – Rothrist war eine Meisterleistung für das Mittelland. Und für einen weiteren Schub soll der Viertelstundentakt Luzern – Zürich oder Bern – Zürich sorgen. Man darf es auch einmal sagen: Es ist eine solide Leistung, dass wir diesen Ausbau schafften und den Modalsplit immerhin etwas zu Gunsten des öV verschieben konnten. Das sind konkrete Lösungen, wie wir sie brauchen.
Dazu kommt: Die Sehnsucht, auch zu Spitzenzeiten einen leeren Platz vis-à-vis zu haben oder seine Tasche auf dem Nebensitz hinstellen zu können, ist menschlich, aber wirtschaftlich nicht verkraftbar. Die SBB und unser öV ist mit den heutigen finanziellen Vorgaben darauf angewiesen, dass die Züge zu gewissen Zeiten voll sind. Der Fernverkehr wird nicht subventioniert und im Regionalverkehr wird ein höherer Eigendeckungsgrad verlangt. Würden die Züge auch morgens um sieben oder um acht halbleer herumfahren, dann würde der Takt ausgedünnt.
Das habe ich auch dem Ehepaar erklärt: Mit weniger Tourist*innen würde ihr Zug wahrscheinlich nicht leerer, sondern kürzer und vielleicht weniger oft fahren.
