SVP und Gemeindautonomie

SVP-Grossrätin Yvette Estermann wirbt in Inseraten gegen den Fixerraum in der Stadt Luzern. Nichts neues, könnte man denken, denn dass die SVP gegen den Fixerraum ist, ist bekannt. Merkwürdig ist aber, dass Yvette Estermann als Krienserin aktiv an einem städtischen Abstimmungskampf teilnimmt. Überall betont die SVP, wie wichtig die Gemeindeautonomie ist und dass Gemeindefusionen in der Agglomeration Luzern nie und nimmer in Frage kommen. Da mutet es komisch an, wenn sich SVP-Leute aus der Agglomeration zu rein städtischen Abstimmungen äussern. Man stelle sich das Umgekehrte vor: Ein Grüner aus der Stadt würde für die Tagesschule in Emmen mit Inseraten werben oder eine städtische Sozialdemokratin hätte sich in einem Inserat bei der Abstimmung zum Ebikoner Ebisquare geäussert. Der Aufschrei wäre vorprogrammiert gewesen.

Berufswechsel. Februar 2007

Kalt war ihm und die Finger klomm. Ein eisiger Wind blies die Reuss hinab und der Harmonika waren fast keine Töne mehr zu entlocken. Von unten kroch dem Sitzenden die Kälte durch die Wolldecke und er schaute traurig in seine Mütze vor ihm – nur wenige Münzen lagen darin. Die Passanten zogen an ihm vorbei ohne Notiz von ihm zu nehmen. Auch gestern, als er es als Blinder versucht hatte, waren seine Einkünfte sehr gering, es reichte kaum für ein Tell-Bier und Servelat, doch zu Hause wartete doch Frau und etwas weiter weg die Ex-Frau. Wie nur alle diese hungrigen Münder stopfen? Der Versuch, am Samstag den Einkaufenden gegen ein kleines Entgelt vor der Migros auf dem Emmer Sonnenplatz ihre Taschen nach Hause zu tragen, hatte auch nicht viel eingebracht und das mit dem Schuhputzen klappte ebenfalls nicht, er hatte nicht so viel Übung darin. Er dachte nach, überlegte, ob er es wohl doch wieder als Anwalt versuchen sollte oder nochmals seinen Bruder Thomas etwas Steuererleichterung verschaffen sollte, doch er verwarf die Ideen, weil sie ihm letztlich nicht aus seinem finanziellen Loch geholfen hatten. Er kehrte zurück, schlurfte durch die Bahnhofsstrasse und als er sich im Regierungsgebäude aufwärmte und sich umzog, um seinen angestammten Beruf auszuüben, dachte er, wie ungerecht doch das Leben mit ihm war, dass er mit so knappen Mitteln durchs Leben musste. Immerhin ein Lichtschimmer fand er: Er hatte gehört, dass die Bar jeder Vernunft am nächsten Freitag des letzte Mal stattfinde und hoffte, dass ihm dort vielleicht jemand einen Drink spendiere.

Da das reale Leben die Satire zur Zeit überholt, ist es an der Zeit, mit der Bar aufzuhören. Wer das letzte Mal mit dabei sein will, soll am nächsten Freitag ins Ambrosia kommen. Ab 20.30

Klimapolitik FDP

In einem Leserbrief beschwert sich der FDP-Geschäftsführer Othmar Wüest über zuviel Ideologie, Verbote und Besteuerung in der Energiepolitik. Er spricht von Aufklärungsarbeit und Selbstverantwortung – und lobt den mageren Energiebericht von FDP-Regierungsrat Max Pfister.
Nun hofft man bereits seit Jahrzehnten in der Energiepolitik auf die Selbstverantwortung und auf freiwilliges Handeln. Politisch ist in all den Jahren viel zu wenig gelaufen: Die FDP hat sich nur als Bremserin betätigt. Im Jahr 2000 hat sie mitgeholfen, eine nationale Förderabgabe zu verhindern und seither verzögert sie mit ständig neuen Argumenten die längst fällige CO2-Abgabe. Im Kanton Luzern hat sie mitgeholfen, die kantonale Energiepolitik mit dem Streichen der Geldmittel praktisch zum Verschwinden zu bringen.
Angesichts der grossen Herausforderung, denen wir wegen der Klimaerwärmung gegenüberstehen, wäre es an der FDP, ihre Ideologie der Verhinderung zu überdenken und ganz praktisch mitzuhelfen, dass der CO2-Ausstoss schnell gesenkt werden kann – und zwar mit konkreten Massnahmen, nicht mit leeren Worten.

Kaputtmacher. Januar 2007

Der weise Landesvater musste seine Rede zur Lage der Nation auf dem Üetliberg halten. Näher konnte er sich nicht an die Stadt wagen – denn dort unten wüteten seit Jahren wüste rot-grüne Banden. Man sah auch diesen Morgen wieder die Rauchschwaden aufsteigen, welche die Bande von Moritzdadar al Leuenbrgr am Zürichberg diese Nacht hinterlassen hatte. Brandschatzend hatte sie eine weitere Strassenzeile geplündert und der Flüchtlingsstrom Richtung Herrliberg war noch zu sehen, die Kinder schrien um ihre neuen ipods und SPielkonsolen. Von der Bahnhofstrasse hallten die Stösse der Rammböcke, mit denen Börse und Bankensitze belagert wurden, zuvorderst angefeuert wurden sie von Monikdada Stockr, die nachmittags dann den Heerscharen von Armen das ergatterte Geld verschenkte. Am Schauspielhaus durften nur noch „Die Räuber“ von Schiller sowie der Räuber Hotzenplotz gespielt werden.

Dem Parteipräsidenten ging es nicht viel besser, er wagte sich noch kurz in die Städte, doch musste er jeweils nach kurzer Zeit flüchten: Zuerst aus Lausanne, dann aus Bern und zuletzt noch aus Lugano, das ganze wurde als dreiortige Pressekonferenz kaschiert. Nur stückweise konnte er seine Botschaft verkünden: Die Linke mache das Land Schritt für Schritt kaputt mit Kriminalität und Gewalt. Nach Basel und Luzern getraute er sich schon gar nicht. In der Rheinstadt hatten die Grünen einen besonders heimtückischen Plan ausgeheckt. Mit künstlichen Erdbeben hielten sie die ganze Bevölkerung durch Angst und Schrecken in Schach und in Luzern trieb Ul Studr sein Unwesen und griff erbarmungslos nach dem wehrlosen Littau – dank Hilfe der Mai-Hof-Schranzen und Umfragen war es nur eine Frage der Zeit, bis auch dieser einst stolze Ort in die Hände der Linksgrünen fiel. Selbst schon in Kriens traf sich das Gesindel, jeweils am ersten Freitag im Monat in diesem Ambrosia. Nur schon dieser für alle Landwirte teuflische Namen….Ueli Maurer plante einen Gegenschlag. 2007 sollte alles anders werden – Anfang Januar sollte mindestens diese Gemeinde für immer zurückerobert werden, bevor sie an die Linken, Netten und Leos fiele…

Land der Ausweisungen Dezember 2006

Man schrieb das Jahr 2025. Wie jeden ersten Freitag im Monat traf sich in der Bar jeder Vernunft ein kleiner Kreis von Leuten. Erst seit kurzem wurde die Gruppe nicht mehr kleiner – der letzte Richter aus dem Schweizerischen Volks- und Patriotentribunal hatte auf eigenen Antrag hin das Land verlassen müssen. Die Ausweisungsmaschinerie kam zum Stillstand. Rundherum gab es nur noch Bären und Wölfe, langsam verwilderten die Städte.

Begonnen hatte alles im Jahre 2006, als Bundesrat Blocher durchsetzte, dass straffälligen Eingebürgerten der Pass wieder abgenommen und sie und ihre Familie ausgewiesen werden sollten. Man setzte die Forderung mit helvetischer Gründlichkeit durch. Zuerst wurde Kurt Furgler ausgebürgert, man wies ihm nach, dass er im St. Galler Stift verbotenerweise Messwein trank und zudem einen lichtensteinischen Urahnen im Stammbaum hatte. Kurz darauf wurden gleich alle Genfer in globo exkommuniziert respektive ausgebürgert, weil ihr Abstimmungsverhalten generell als straffällig erachtet wurde und sie eh erst seit 160 Jahren Schweizer waren – viel zu kurz, um richtig assimilisiert zu sein. Sie setzten sich ans andere Seeufer ab und gründeten nouvelleville Geneve. Als die Basler protestierten, geschah ihnen genau das gleiche, inklusive ihren Leckerlis zogen sie nach Lörrach. Auch Jeremias Gotthelf wurde ausgebürgert, die Schwarze Spinne wurde als verbotene Horrorerzählung klassiert. Dann musste Pestalozzi dran glauben, weil seinen Schriften Laschheit und Verbreitung von Gutmenschtum nachgewiesen wurde. Kleiner Trost: Ebenfalls die Schweiz verlassen musste Huldrich Zwingli, weil er althergerbrachtes nicht stehen lassen mochte. Winkelried wurde posthum ausgewiesen, weil er durch seine leichtsinnige Tat Kinder und Frau fürsorgeabhängig gemacht hatte, übrigens auch Niklaus von der Flüe wurde als Sozialschmarotzer weggeschickt und Tell wurde des Apfelklaus bezichtigt – ausgerechnet er musste in Österreich Unterschlupf finden. So leerte sich die Schweiz.

Kirchtürme und Minarette. November 2006

Man schreibt das Jahr 1653. Sultan Christophmehmed Block-Er nahm sich noch eine Dattel und wartete ungeduldig auf die neuesten Plakatvorschläge von seinem Propaganda-Wesir Döner Mörgeli. Man stand vor der Eroberung von Wien und brauchte unbedingt noch einige gute PR-Aktionen, um die osmanischen Krieger bei Laune zu halten. Nicht einfach, so weit weg von der Heimat im kalten, nebligen, sumpfigen und rückständigen Europa. Endlich erschien er; Eunuche El-Schlüer trug die zusammengerollten Papyri mit. Döner Mörgeli hatte wieder sein bleckendes Grinsen – ein gutes Zeichen. Als erstes entrollte er ein Plakat, das einen messerstechenden Christen zeigt, der eine Haremsfrau angriff. Christophmehmed wiegte den Kopf, etwas abgegriffen, fand er, damit konnte keiner seiner Krieger mehr motiviert werden, das hatte vielleicht noch zur Eroberung von Istanbul gereicht, aber nicht im hohen Wien. Das zweite Plakat gefiel ihm schon besser. Es zeigte einen habsburgischen Kaiser, der den roten Halbmond durchschnitt und ins osmanische Reich eindringen wollte. Die graphische Umsetzung war nicht schlecht, aber richtigen Schrecken breitete das Motiv nicht aus. Das Dritte spielte auf die hohen Steuern von Österreich-Ungarn an: Ein ottomanisches Sparschwein wurde von einem christlichen Schwert zerschlagen. Ein Frewel, ausgerechnet ein Schwein, doch abgesehen davon, waren Christophmehmed und seiner Sultanin Abduhallasilvihalla das Motiv zu abstrakt. Besser gefiel ihm ein Vorschlag, der einen widerwärtigen Kirchturm zeigte und den Text enthielt: „Türkei kirchtürmfrei“. Aber so richtig begeistert? Nein, man war ja nicht von gestern und der interreligiöse Dialog mit dem Papst ganz amüsant. Das letzte Plakat zeigte den Sultan in Wien, am Rednerpult im Stephansdom bei einer Rede über die Menschenrechte. Darunter stand: „Redefreiheit. Auch für Europa“ Das gefiel dem Sultan, endlich eine gute Sache, für die zu kämpfen war. Er gab sogleich das Signal für den Sturmangriff vor Wien.
Dank Christophmehmed kann seither an der Bar jeder Vernunft jeder auch nach dem fünften Glas Wein seine Gedanken frei formulieren.

Geldvernichtung. Oktober 2006

René Kuhn hatte es zuerst gesehen, doch selbst in seiner SVP-Grossstadtratsfraktion glaubte ihm anfänglich niemand. Zu wirr war seine Rede über Geldvernichtung, Grosstransporte und Nachtarbeit in der KVA. Doch als sich in der nächsten Nacht einige SVP-Getreue in der Dunkelheit auf die Lauer legten, stockte ihnen kurz nach Mitternacht der Atem. Vor dem Finanzdepartement fuhr die Kehrichtabfuhr vor, der Hintereingang wurde geöffnet und vermummte Männer brachten Container für Container aus dem Gebäude. Der Feldstecherblick war eindeutig: Die Container waren voll von Geld – und sie wurden alle in den Kehrichtwagen gekippt. Und beim genauen Hinsehen wurde deutlich, dass Fahrer wie Mitarbeitende einschlägig bekannt aus der rotgrünen Szene waren. Auf ihrer heimlichen Verfolgungsfahrt des Wagens landeten die aufrechten SVP-Spione in Ibach, wo die Förderbänder zu laufen begannen, der Wagen gekippt wurde und kurz darauf aus dem Feuerungsraum ein stechender Blitz sichtbar wurde und etwas später ein leiser Staubregen aus gewesenen Banknötli niederging – das mit den Filteranlagen war auch nicht so weit her, aber eine andere Geschichte. Kurze Zeit später hielten in Ibach weiter Wagen, die beim Stadthaus, bei der Gemeindeverwaltung Kriens und Emmen und sogar Meggen gestartet waren. Kleinere Camions kamen aus den Landgemeinden und selbst aus Romoos fuhr einer mit einem Viehtransporter vor, um Geld abzuladen. Allerdings klapperte es da ungewöhnlich laut, da nur Münz dabei war.
Damit bewahrheiteten sich die schlimmsten SVP-Befürchtungen: Die Steuergelder wurde nicht nur verlocht oder aus dem Fenster geworfen, sondern gleich auch noch verbrannt. Dagegen gab es nur ein Mittel – die Staatseinnahmen gleich wieder an die Bürger zu verteilen. Beginnen wollte dies die SVP mit der Rückverteilung der Bussengelder. Dass noch ganz andere Geldvernichtungsstätten existierten, übersah die SVP zum Glück. So konnte zum Beispiel an der Bar jeder Vernunft weiterhin jeden ersten Freitag im Monat Geld hochprozentig vernichtet werden.

Bundesrätliche Blessuren September 2006

Was für ein bundesrätliches Wochenende!
Montagmorgen, in der Früh: Die BundesrätInnen schlichen durch den Hintereingang ins Bundeshaus. Sie wollten ihren KollegInnen ihre Blessuren nicht gleich vorführen und hofften, dass diese bis zur Bundesratssitzung vom Mittwoch verheilt waren. Doris Leuthardt trug einen dicken Verband schräg über den Kopf. Hätte sie gewusst, dass sie in eine schlagende Gesellschaft aufgenommen würde, hätte sie die Einladung des Studentenverbandes dankend abgelehnt. Doch als dieser nette Student sie nach ihrer Rede so bleckend angrinste und nach dem Säbel griff, war es schon zu spät und sie hatte ihren Schmiss bekommen. Immerhin – vielleicht konnte sie mit ihrer Narbe noch einen Part an der Seite von Johnny Depp einnehmen? Samuel Schmid hatte nach der Forderung seiner Partei, Micheline Calmy-Rey das Aussenministerium zu entziehen, in einer Panikattacke den ganzen Sonntag seinen „Yes. Einsteiger Englisch für Reisen“ gebüffelt und war total durch, nachdem er schon zwei Wochen zuvor sich auf die Ablösung von Moritz Leuenberger mit einem Wochenendkurs „Reden schreiben, leicht gemacht“ vorbereitet hatte. Ebendieser hatte nach seinem Auftritt und seiner feinen Rede beim Hornussenfest eine saftige Nuoss an den Kopf gekriegt und lallte nachher nur noch Lilke und Holaz. Christoph Blocher war noch ganz schwindlig von den Leviten, die ihm seine Schwester gelesen hatte, Calmy-Rey musste sich zu Hause vorhalten lassen, dass der Sicherheitsratssitz Genf gehöre und nicht der Schweiz und Hans-Rudolf Merz hatte sich eine gefangen, als er über die Kosa-Initiative und die Cosa nostra sinnierte. Und Pascal Couchepins Kopf war voller Blutergüssen – er hatte sich wieder einmal den Kopf eingeschlagen, weil von ihm nichts in der Sonntagspresse stand. Sie alle nahmen sich vor, das nächste Wochenende sanfter zu gestalten und am Freitag die Bar jeder Vernunft im Ambrosia zu besuchen

Wüstenlandschaften. Juli 2006

Gleissend brannte die Sonne über die kahlen Alpen, wo früher Kuhweiden, tiefe Wälder und sprudelnde Bäche waren, war längst nur noch öde Steinwelt. Er legte die Schaufel weg, seine Lippen waren aufgesprungen und er dürstete nach Wasser, über ihm zog ein Geier seine Kreise. Das Skelett weiter vorne musste einmal ein stattliches Braunvieh gewesen sein. Der Blick irrte durch die sirrende Luft, vom Obernau kam eine Karawane näher und Richtung Stadt waren nur noch die Spitzen der Türme der Hofkirche in der Haldendüne zu sehen – alles andere war längst vom Sand zugedeckt worden, den der Südwind unablässig aus der Magadino-Wüste hinüberwehte. Unter dem Geschrei des Aufsehers setzte er die Schaufel wieder an. Zur Sisyphos-Arbeit, das Velociped aus dem Sand zu befreien. Die neue Allparteien-Regierung aus den Grünen, Grünliberalen, Grünkonservativen und Grünsozialen, der grünen Chance 22 und der grünen Phase 111 (die SVP war in den Untergrund gegangen und prompt im Sand versunken) hatte sich zum Ziel gesetzt, die Monumente grüner Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Unnütz dachte er, und bitter erinnerte er sich, wie er vor einem Monat vom grünen Tribunal wegen Blasphemie zur Zwangsarbeit verurteilt worden war – nur wegen so einer blöden Bareinladung, die von Kälte und Gletscher gehandelt hatte. Neben ihm litt der letzte Hummer-Automobilist, der von der Guardia verde aufgegriffen worden war und vor ihm schuftete ein Erdölschmuggler, der auf dem Schwarzmarkt erwischt worden war. Das wiederum machte Ruth und Michael nervös, die nun nicht mehr garantieren konnten, rechtzeitig auf die Bar zu Eiswürfeln zu kommen. Wie nun den Generator anwerfen, der in einem Geheimgang zu einer alten Zivilschutzanlage führte, versteckt war. Nach der schrittweisen Reduktion von der 2000 Watt- Gesellschaft zur 20-Watt-Gesellschaft war das mit den Eiswürfeln so ein Ding. Ein Wettlauf mit der Zeit begann…man würde sehen. Am nächsten Freitag, ab 20.30 im Ambrosia

Klimaveränderung I. Juni 2006

Ice Age 3

Eine kleine Flutwelle liess das Treibeis vor dem KKL bersten, der Reussgletscher hatte in Flüelen gekalbt und Tonnen von Eis waren in den See gestürzt. Man schrieb das Jahr 2106 und sah im frühen Aufbrechen der Eisfläche auf dem Vierwaldstättersee einen Hoffnungsschimmer für einen milden Frühsommer. Vielleicht, dass die Krüppelfichten und Zwergbirken im Bireggwald wieder grün würden und das Edelweiss und die Alpenrosen auf der Allmend es bis zur Blüte schafften. Die Siedlungen rund um Luzern waren längst aufgegeben worden und die Eingemeindung lief quasi auf dem kalten Weg ab. Auch der Steuerwettbewerb hatte sich erledigt: Nid- und Obwalden waren von Gletschern bedeckt.

Angefangen hatte alles – wie Ältere erzählten – genau Hundert Jahre zuvor. An einem düsteren Tag am Ende des Mais brachte eine Front mit Blitz und Donner Kälte und Regen. Die Schneefallgrenze sank weit hinunter und der Sommer zeigte sich das ganze Jahr nicht mehr. Die Kirschen fielen grün von den Bäumen, die Äcker verwandelten sich in morastigen Sumpf und die Leute klagten über die Frösche und Feuersalamander, auf die man selbst in Waschküchen, Briefkästen und Velosatteltaschen traf. Nacheinander sanken die Kurse der Freibäder, der Bierhersteller und der Grünen.

Das Wetter erholte sich nicht mehr, zuerst stritt man sich noch, wer den Golfstrom abgedreht hatte, doch musste man sich schnell handfesteren Dingen zuwenden: Im Jahre 2015 durchschwamm die erste Elchherde den Rhein und machte bald das ganze Mittelland unsicher. Für die unterlegenen Kühe gab es einen Stallzwang und als ein paar Jahre später der Rhein nicht mehr durchschwommen, sondern zugefroren überquert werden konnte, kamen all die Tiere aus der Norddeutschen Steppenlandschaft (Schneehasen, Schneeziegen, Schneeschafe, Schneeschnecken, Schneeschaben und Schneekröten) in die Nähe der Alpen. Dem ehrgeizigen russischen Forscher Geniwitsch Klonow war es auch zu verdanken, dass das sibirische Mammut wiederauferstand. Das erste versoff zwar noch im Rhein, doch im nächsten Winter trug das Eis selbst diese Tiere.

Einige Ältere erinnerten sich noch, dass man sich früher im Garten des Ambrosia in Kriens jeden ersten Freitag im Monat traf. Jetzt, da sich doch seit einigen Tagen Temperaturen über dem Gefrierpunkt hielten, wollten sie einen Ausflug Richtung Kriens entlang des Krienbachgletschers wagen, vielleicht, dass immerhin die Wodkaflaschen nicht vor Kälte zersprungen waren und es für einen Ice Smirnoff reichte – auch wenn einem ein Aprikosenlikör oder ein Kirsch (ah, nur schon der Name) mehr gepasst hätte – doch das Zeug war nicht einmal mehr im Schwarzhandel zu haben.